Menschen und Organisationen im Wandel

Management und Spiritualität
21. Januar 2016
Liebe Leserinnen und Leser

Seit 2008 schreibe ich jeweils zwei bis drei Newsletter pro Jahr. Im 2015 jedoch war ich als Berater so viel unterwegs, dass ich die Zeit und Ruhe dazu nicht fand. Ich war positiv überrascht, als sich die Feedbacks von Kunden mehrten, die mir zeigten, dass mein nächster Newsletter erwartet wurde.

Da mit dieser Ausgabe jetzt viele Leserinnen und Leser zum ersten Mal meinen Newsletter bekommen, wäre es eigentlich angebracht, über ein wichtiges Führungs- oder Organisationsthema zu schreiben, zum Beispiel über das sehr lesenswerte Buch „Reinventing Organizations“ von Frederic Laloux, welches sich der Entwicklung selbstorganisierender Organisationsentwicklungsformen widmet. Aber wie nicht selten dominierten auch dieses Mal meine Begeisterung und Leidenschaft für ein anderes, persönlicheres Thema meine rationalen Überlegungen.

Mitte November 2015 war ich von der Reformierten Kirche Baselland zu einem Podiumsgespräch über das Thema „Gott und Geld – eine schwierige Beziehung“ eingeladen. Ausgangspunkt bildete der markige Ausspruch im Lukasevangelium: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“. In den Augen des Evangelisten hätten wir uns als Christen zwischen einem gottgefälligen Leben und dem (unredlichen) Erwerb von Geld und Reichtum zu entscheiden. Die Frage stand also im Raum, ob ein Streben nach Gott und Geld möglich ist - oder moderner ausgedrückt, ob wirtschaftlicher und unternehmerischer Erfolg mit den Zielen unserer Religionen vereinbar sind.

Ort der Kraft und Spiritualität: Bruder Klaus in Flüeli Ranft

Im heutigen Newsletter möchte ich Ihnen die Grundgedanken meines Referats und die damit verbundenen Impulse wiedergeben. Eine neue Erfahrung für mich war, dass ich von einer Kanzel sprach, über den Köpfen der Zuhörenden, wo wir doch in der Beratung so viel Wert auf Begegnungen auf gleicher Augenhöhe und Symmetrien in den Beziehungen legen… :)

Spiritualität hat in unserem wirtschaftlichen Handeln und Entscheiden schon seit Menschengedenken eine wichtige Rolle gespielt, werden und wurden doch für wichtige Weichenstellungen im täglichen (Wirtschafts-) Leben in allen Kulturen und Religionen seit jeher das Zukunftswissen von Priester und Schamanen, welche über einen besonderen Zugang dazu verfügten, eingeholt und genutzt. Auch ich setze mich immer wieder für das Nützen eines auf der spirituellen Ebene gewonnenen Zukunftswissens in modernen Organisationen ein. Es fasziniert mich, zu sehen, wie daraus neue Ideen und Visionen entstehen und Krisen wirkungsvoll angegangen werden können. Jedoch liegt es mir am Herzen zu betonen, dass für mich Spiritualität im Management nur eine Dimension des Denkens und Handelns in Organisationen darstellt. Sie ersetzt nicht die betriebswirtschaftliche Perspektive oder unsere Führungs- und Sozialkompetenzen, die im Alltag so wichtig sind. Das Aufgreifen und Integrieren von Zukunftswissen ermöglicht uns jedoch, innovative, kreative und energievolle Führungs- und Unternehmenswege zu finden und zu verfolgen. Ich wünsche Ihnen viel Inspiration beim Lesen.
Gott und Geld – eine schwierige Beziehung?

Der Einstieg in mein Referat ist mir erstaunlich schwergefallen. Einerseits wage ich mich mit solchen Fragen als Ökonom natürlich weit über den Tellerrand hinaus, andererseits stört mich dieses Bild eines Gegensatzes, ja einer Konkurrenz zwischen Gott und Wirtschaft. Dies in einer Zeit, in der ich viel mehr eine Öffnung in dieser Beziehung erlebe. In Führungs- und Managementkreisen ist es – eine entsprechende Kultur vorausgesetzt - durchaus möglich, über Achtsamkeit oder Spiritualität zu diskutieren. Und erstmals gibt es in der Betriebswirtschaft verschiedenste Theorieansätze, die interessante Brücken zwischen diesen beiden auf den ersten Blick doch sehr unterschiedlichen Welten schlagen.

Ich schiebe dieses gegensätzliche Bild einfach mal zur Seite, werde erst ganz am Schluss auf den „Mammon“ zu sprechen kommen. Ich möchte ein für mich viel passenderes und wegleitenderes Bild einführen: Im Kern geht es für mich – als Privatperson wie auch als Führungskraft oder Berater – um eine Partnerschaft zwischen mir und Gott. Ich bin überzeugt, dass es sowohl spirituelle Kräfte wie auch ein unbewusstes Wissen gibt, die uns wohlgesinnt sind und uns im Leben voranbringen möchten, auch in unserer Tätigkeit als Mitarbeiter, Führungskraft oder Manager.

Und bevor Sie mich vielleicht etwas zu schnell als „naiven, esoterisch angehauchten“ Christen schubladisieren, möchte ich doch versuchen aufzuzeigen, was mich zu diesem Bild und dieser Überzeugung führt.
1. Individuelle Ebene

Ich möchte hier keine naturwissenschaftlich-rationale Beweisführung antreten. C.G. Jung hat es für mich gut auf den Punkt gebracht: Spirituelle Erlebnisse sind nicht eine Frage des Glaubens, sondern des eigenen Erlebens und es bleibt eine individuelle Erfahrung, ob man sie erlebt oder nicht erlebt hat. Den Zugang zur Seele, zu unserem inneren Wissen und zu Gott kann also nur jeder einzelne für sich selbst finden und erfahren.

Ich selbst habe zuerst einen sehr rationalen Lebensweg verfolgt. Ich habe in Basel Betriebswirtschaft studiert und dort am Lehrstuhl für Organisation, Führung und Personal eine Dissertation über Change-Management geschrieben.

Und vielleicht aus Zufall, vielleicht aber auch nicht, kam ein „wissender“ Weg dazu. Bedeutend für mich und meine Frau wurde eine fünfmonatige Australienreise, in der wir uns mit der Natur, den Tieren und den Aborigines mit ihren Kraftorten unglaublich verbunden fühlten. Zurück zu Hause lernte ich bald das Familien- und Organisationsaufstellen und das Meditieren kennen. Ich tauchte in eine Welt der Phänomene und des Wissens ein, die sich einer vordergründigen, rationalen Erklärung entziehen.

Ort der Kraft der Aborigines: Mini Palms, Bungles Bungles NP

So habe ich selber erfahren, dass es ein unbewusstes Wissen gibt, eine unsichtbare Lösungskraft, die uns Menschen, aber auch Organisationen voranbringen möchte. Dies hat mein Selbstverständnis und mein Weltbild markant verändert. Und daraus entstand natürlich der Wunsch – wie bei vielen Führungskräften mit ähnlichen Erfahrungen – dieses Wissen und diese Impulse auch in der Arbeit direkt zu integrieren, zu nutzen. Ein bisher interessanter Versuch!

Für mich selbst habe ich dazu verschiedene Zugänge gefunden, zum Beispiel:

1. Bei wichtigen Entscheiden ist es für mich zur Selbstverständlichkeit geworden, dass ich nebst dem Abwägen von Vor- und Nachteilen auch die geistige Welt um Impulse und Klarheit bitte. Und ich nehme Hinweise ernst, auch wenn sie nicht immer meinen Vorstellungen und Erwartungen entsprechen. So hatte ich beispielsweise bereits nach eineinhalb Jahren als Leiter Management Development von Nationale Suisse das Gefühl, ich müsse mich jetzt als Berater selbständig machen und meinen eigenen Weg gehen. Zur Überprüfung des Entscheides wählte ich einen für mich wichtigen Kraftort in der Natur aus, einen Berggrat oberhalb Adelbodens. Eine zweitsündige Wanderung von unserer Alphütte führte mich dorthin. Bevor ich loszog, verband ich mich mit Gott und meinen spirituellen Kräften und stellte die klare Frage: „Soll ich die Stelle als Leiter Management Development von Nationale Suisse kündigen und mich ganz selbständig machen?“. Auf einem derartigen Weg kommen manchmal natürlich auch Zweifel auf. Was passiert, wenn ich keine inneren Bilder bekomme, wenn beim Meditieren kein Fluss entsteht? Aber noch bevor ich mich am Kraftort den kritischen Gedanken widmen konnte, hatte ich schon klare und überraschende Bilder: Ich sah einen Holzschuppen in Adelboden. Und an diesen Holzschuppen nagelte ich mein Schild „Reto Zbinden, Organisationsberatung“. Am Schluss hing es schräg… Ein schäbiges Bild, ich werde es nie vergessen, während mein weiterer Weg in Nationale Suisse viel Kraft hatte. Eine eindrückliche Antwort! Und ich entschied mich zum Glück erst nach zwei weiteren Jahren, dann zum richtigen Zeitpunkt, bei Nationale Suisse zu kündigen.

Kraftort oberhalb von Adelboden: Bunder-Krete

2. Als Berater bewege ich mich immer öfter in sehr komplexen, manchmal auch diffusen Situationen. Bei solchen Mandaten ist es für mich äusserst hilfreich, mittels Aufstellungen oder Meditationen mein unbewusstes Wissen zu mobilisieren. Ich gewinne so einen vertieften Einblick in zentrale Dynamiken und Lösungsstrategien, die mir helfen, möglichst sinnvoll und gezielt in Organisationen zu intervenieren. In der Sprache eines Beraters ausgedrückt: Zu meinen rationalen, erfahrungsgeleiteten Hypothesen kommen also auch intuitive hinzu.

Interessant ist die Beobachtung, dass sich in den letzten Jahren sich immer mehr Unternehmer trauen, offen über ihre Erfahrungen zu sprechen, wenn sie sich von Gott und spirituellen Kräften führen liessen. Bekanntester Vertreter ist natürlich Steve Jobs. In seinen Biografien findet der Leser viele Hinweise, wie er sich beim Entwickeln innovativer Produkte und Ideen inspirieren und führen liess. Beispielsweise ass er eines Mittags in einem Restaurant, auf dessen Speisekarte die Menus nicht mit Nummern aufgeführt, sondern mit Symbolen dargestellt waren. Diese Idee hat ihn angeblich derart berührt und inspiriert, dass er von da an „wusste“, dass seine Apple-Computer und Handys nicht mit Tastenkombinationen wie „Control-C“, sondern primär über Bildsprache zu steuern sein mussten.

In einem analogen Verständnis hat Prof. Otto Scharmer mit über 200 herausragenden Unternehmern und Forschern auf der ganzen Welt Interviews geführt und dabei versucht zu erkunden, wie sie zu ihren neuen, bahnrechenden Erkenntnissen gelangten. Dabei hatte er zu seiner Überraschung entdeckt, dass sich praktisch alle täglich in Form eines für sie stimmigen Rituals mit ihren spirituellen Quellen verbanden. Sie baten diese Kräfte, sie dabei zu unterstützen, etwas in die Welt zu bringen, womit sie der Gesellschaft dienen konnten. Sie baten sie dazu um einen Weg und eine Richtung, welche sie einschlagen sollten.

Eine wichtige Erfahrung möchte ich noch anbringen: In dieser Partnerschaft mit Gott, in diesem Sich-führen-lassen wird das Beste von uns verlangt. Berufungen und Visionen möchten mit unserem vollen Einsatz realisiert werden. Deshalb sind Visionswege immer auch persönliche Entwicklungswege! Wir werden herausgefordert, alte Muster, Ängste, traumatische Erfahrungen oder übernommene, alte Familienthemen loszulassen und zu unserer Stärke zu finden. Dieses Reifen als Person, der innere Entwicklungsweg, ist ein zentraler, lebenslanger Prozess. Es ist eine Partnerschaft mit einem Teil unseres Selbst, den wir bisher vielleicht noch kaum wahrgenommen haben. Wir müssen also – ökonomisch ausgedrückt - bereit sein, in dieser Beziehung in unsere Selbstentwicklung zu investieren.

Ort der Kraft und Spiritualität: Taj Mahal in Indien
2. Organisationale Ebene
Zum Schluss möchte ich noch auf die Ebene der Organisation wechseln. Otto Scharmer hat die sogenannte „Theorie U“ formuliert. Er ermutigt damit das Management, Organisationen von der Zukunft her zu führen, aus einer wissenden Quelle heraus. Dies ist ein äusserst interessanter, aber auch sehr anspruchsvoller Weg: Nicht nur ein Einzelner öffnet sich der spirituellen Führung, sondern ein ganzes Managementteam lässt sich auf eine tiefere Wissens- und Erkenntnisebene ein. Konkret werden dazu immer wieder Erlebnis-, Dialog-, Aufstellungs- oder Meditationsformate zum Lösen der grossen, unternehmerischen und gesellschaftlichen Herausforderungen eingesetzt. Solche Wege sind aus meiner Sicht in Zukunft nicht nur möglich, sondern auch wichtig und notwendig. Sie stellen aber sehr hohe Ansprüche an die beteiligten Menschen und setzen eine entwicklungsorientierte Organisationskultur voraus.

Eine etwas „bodenständigere Version“ kommt von Heike Bruch, Professorin und Leiterin des Instituts für Leadership an der Uni St. Gallen. Um Spitzenergebnisse zu erzielen, haben Organisationen ihre Mitarbeitenden mit all ihren Potentialen zu mobilisieren, also auch emotional und intuitiv. Dies wird primär über sinnstiftende, die Gesellschaft voranbringende Visionen möglich. Sie nennt solche Visionen „winning the princess“. Aus meiner Sicht besitzen Visionen von Organisationen aber nur dann eine besondere Kraft, wenn sie unternehmerisch und gesellschaftlich Sinn erzeugen.

Und interessant an ihren Forschungsergebnissen ist, dass dies nur in Organisationen gelingt, die sich bewusst auch sehr für die Entwicklung ihrer Mitarbeitenden einsetzen. Also nicht nur die Organisationen selbst, sondern auch alle darin tätigen Menschen müssen die Möglichkeit bekommen, sich zu entfalten und zu entwickeln. Christlich-ethische Werte bekommen somit eine sehr grosse Bedeutung.

Und wann kommt dann doch noch der Mammon, die Versuchung, ungerechtfertigt Geld zu verdienen? Oder anders gefragt: Wie verlieren wir als Manager oder Organisationen diese besondere Kraft, diese Kooperation mit dem Göttlichen?

Eine besondere Aufgabe in der Partnerschaft ist ja das gemeinsame Sich-Einsetzen für die Menschen, die Gesellschaft und die Schöpfung. Und dafür darf man durchaus auch Geld verdienen, solange dies im Rahmen eines Verständnisses geschieht, das sich mit unseren christlichen Werten vereinbaren lässt. Wenn aber beim Einzelnen, wie auch in Organisationen primär das Geld-verdienen, das Materielle, die radikale Gewinnsteigerung im Fokus steht, geht das Wesentliche des Mensch-Seins und der göttliche Gedanke verloren. Menschen wie Organisationen werden „seelenlos“, das „In-Beziehung-sein“ fehlt. Mein Vorredner, Dr. Richard Breslauer, zitierte dazu eine Weisheit der Rabbiner: „Wer das Geld liebt, wird vom Geld niemals satt.“ (Kohelet 5,9)

In dem Sinne möchte ich Sie als Ökonom ermutigen, im 2016 ihrer Freude, ihrer Leidenschaft und ihrer Berufung zu folgen und der göttlichen Führung zu trauen. Und falls Sie heute aus einer guten Haltung heraus viel Geld verdient haben, so freuen sie sich darüber!

Mit herzlichen Grüssen

Reto Zbinden


PS: Ich danke Thomas Brogli, letters and more, für das Lektorat!


Der Baum als Stätte der Meditation – Symbol für Lebenskraft und Erdverbundenheit


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